Ratgeber · Arbeitskraft
Berufsunfähigkeit oder Grundfähigkeit: Was ist der Unterschied?
Die eine fragt, ob Sie Ihren Beruf noch ausüben können. Die andere, ob Sie noch gehen, greifen oder sehen können. Das ist ein großer Unterschied.
Maximilian Frischholz, Versicherungsmakler, Erlaubnis nach § 34d Abs. 1 GewO · Stand:
Kurz gesagt
Was ist der Unterschied zwischen Berufsunfähigkeits- und Grundfähigkeitsversicherung?
Eine Berufsunfähigkeitsversicherung zahlt, wenn Sie Ihren zuletzt ausgeübten Beruf voraussichtlich auf Dauer nicht mehr ausüben können, in üblichen Verträgen zu mindestens 50 Prozent. Eine Grundfähigkeitsversicherung zahlt nur beim Verlust bestimmter, im Vertrag aufgezählter Fähigkeiten wie Gehen, Sehen, Greifen oder Sprechen, ganz gleich, ob Sie noch arbeiten können. Die BU ist damit der deutlich weiter reichende Schutz, die Grundfähigkeit die Alternative für alle, die keine BU oder nur zu sehr hohen Beiträgen bekommen.
- BU: Maßstab ist der zuletzt ausgeübte Beruf (§ 172 VVG)
- Grundfähigkeit: Maßstab ist eine Liste von Fähigkeiten, die jeder Versicherer selbst festlegt
- Psychische Erkrankungen decken Grundfähigkeitstarife meist nicht (Verbraucherzentrale)
- 41,1 Prozent der neuen Erwerbsminderungsrenten 2025 hatten psychische oder psychosomatische Ursachen (DRV)
- Verbraucherzentrale: zuerst die BU prüfen, Grundfähigkeit als Notlösung
Im Vergleich
Wie unterscheiden sich BU, Grundfähigkeit und gesetzliche Erwerbsminderungsrente?
| Frage | Berufsunfähigkeitsversicherung | Grundfähigkeitsversicherung | Erwerbsminderungsrente (gesetzlich) |
|---|---|---|---|
| Maßstab | Ihr zuletzt ausgeübter Beruf (§ 172 Abs. 2 VVG) | Eine Liste von Fähigkeiten wie Sehen, Gehen, Greifen oder Autofahren | Irgendeine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt (§ 43 SGB VI) |
| Wann gezahlt wird | Üblich: mindestens 50 Prozent, voraussichtlich sechs Monate | Wenn eine versicherte Fähigkeit dauerhaft und erheblich verloren ist | Voll unter drei, halb unter sechs Stunden Arbeitsfähigkeit am Tag |
| Psychische Erkrankungen | Versichert | Meist nicht oder nur eingeschränkt | Versichert (2025 Ursache von 41,1 % der neuen Renten) |
| Höhe | Vereinbarte Monatsrente | Vereinbarte Monatsrente | Neue volle Renten 2025: im Schnitt 1.126 € im Monat |
| Voraussetzung | Gesundheitsprüfung bei Abschluss | Gesundheitsprüfung, teilweise weniger streng | Fünf Jahre Wartezeit, drei Jahre Pflichtbeiträge in den letzten fünf Jahren |
Nach § 172 VVG, § 43 SGB VI, Verbraucherzentrale (Stand 08.05.2025) und Deutscher Rentenversicherung (Rentenzugang 2025). Für Grundfähigkeitstarife gibt es keine einheitlichen Standards; die Bedingungen einzelner Tarife weichen ab.
Der entscheidende Punkt
Warum zahlt die Grundfähigkeitsversicherung bei psychischen Erkrankungen meist nicht?
Psychische und psychosomatische Erkrankungen sind der häufigste Grund, aus dem Menschen erwerbsgemindert werden: 2025 standen sie hinter 41,1 Prozent der neuen Erwerbsminderungsrenten (Deutsche Rentenversicherung). Wer wegen einer Depression seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, ist berufsunfähig. Die BU zahlt. Eine Grundfähigkeitsversicherung zahlt in diesem Fall meist nicht, weil Gehen, Greifen und Sehen unverändert möglich sind.
Das ist kein Mangel, sondern ihre Bauart: Sie knüpft an überprüfbare Fähigkeiten an. Genau deshalb ist sie oft günstiger und wird auch Menschen angeboten, die für eine BU als zu riskant gelten, etwa mit Vorerkrankungen oder in körperlich anstrengenden Berufen.
Daraus folgt die Reihenfolge, zu der auch die Verbraucherzentrale rät: zuerst prüfen, ob eine BU zu vertretbaren Bedingungen erreichbar ist, bei Vorerkrankungen mit einer anonymen Risikovoranfrage bei mehreren Versicherern. Erst wenn sie überall abgelehnt wird oder der Beitrag in keinem Verhältnis steht, ist die Grundfähigkeitsversicherung die richtige zweite Wahl.
Häufige Fragen
Was zu BU und Grundfähigkeit gefragt wird
Für wen ist die Grundfähigkeitsversicherung die bessere Wahl?
Für Menschen, die keine BU zu annehmbaren Bedingungen bekommen, etwa wegen Vorerkrankungen oder weil ihr Beruf als körperlich riskant eingestuft wird. Für junge Leute kann sie ein Einstieg sein, wenn der Tarif später den Wechsel in eine BU ohne neue Gesundheitsprüfung erlaubt.
Kann ich später von Grundfähigkeit auf BU wechseln?
Nur, wenn der Vertrag eine Option ohne neue Gesundheitsprüfung enthält. Sonst ist es ein neuer Antrag, bei dem der Gesundheitszustand von dann zählt, nicht der von heute. Nach dieser Option sollte man beim Abschluss ausdrücklich fragen.
Reicht nicht die gesetzliche Erwerbsminderungsrente?
Sie ist kein Ersatz. Die volle Erwerbsminderungsrente gibt es erst, wenn man auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt weniger als drei Stunden täglich arbeiten kann, die halbe unter sechs Stunden. Gemeint ist irgendeine Tätigkeit, nicht der eigene Beruf (§ 43 SGB VI). Neue volle Renten lagen 2025 im Schnitt bei 1.126 Euro im Monat.
Wie hoch sollte die Rente sein?
Die Verbraucherzentrale nennt für die BU 80 Prozent des heutigen Nettoeinkommens als Richtwert. Wichtiger als jede Faustregel ist eine ehrliche Aufstellung: Was muss jeden Monat bezahlt werden, auch wenn kein Gehalt mehr kommt?
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